Rajasthan
MIT TAJ MAHAL & DELHI
Reiseprogramm
1.-3. Tag: Anreise / Delhi erleben / Ort der sieben Städte
4.-5. Tag: Flug Delhi nach Udaipur / Udaipur
6.-7.Tag: Aravali-Berge, Kumbalgarh, Ranakpur / Luni / Ranakpur nach Jodhpur
8-9.Tag: Jodhpur nach Pokaran / Ausflug nach Jaisalmer
10.-11.Tag: Durch die Wüste via Bikaner nach Nawalgarh
12.-13.Tag: Nawalgarh nach Jaipur / Amber und Jaipur
14.-16.Tag: Jaipur nach Fatehpur Sikri, weiter nach Agra / Agra nach Delhi / Rückreise
BAUSTELLE
Die Hauptstadt Indiens mit dem Regierungssitz ist Neu-Delhi, wobei, wie der Name schon vermuten lässt, Neu-Delhi relativ jung ist und ein älteres Delhi existieren muss. Neu-Delhi ist das während der britischen Kolonialzeit ab 1912 planmäßig angelegte Regierungsviertel im Süden von Alt-Delhi bzw. Shahjahanabad. Neu-Delhi zeichnet sich durch koloniale Architektur, gerade repräsentative Alleen und Parkanlagen aus. Das junge Neu-Delhi ist gleichzeitig Teil der viel größeren Hauptstadt-Metropolregion Delhi mit mehr als 20 Mio. Einwohnern. Zählt man die in anderen Bundesstaaten gelegenen Großstädte wie Gurugram, Faridabad, Noida und weitere mit dazu, entsteht ein Verdichtungsraum mit nahezu 35 Mio. Menschen.
Wenn bei Delhi vom Ort der sieben Städte die Rede ist, dann deshalb, weil auf dem Gebiet des heutigen Delhi ab dem Mittelalter und vor allem in der Mogulzeit sieben Stadtgründungen stattgefunden haben. Die so im Laufe der Zeit gegründeten Städte wurden nach Zerstörung oder Auflassung jeweils an einem anderen Ort in der Nähe unter anderer Herrschaft neu errichtet.
Zum Ende des 12. Jahrhunderts eroberten islamische Völker aus dem Norden die Gegend um Delhi und der letzte hinduistische König verlor seine Macht. Die muslimische Herrschaft in Delhi dauerte bis zur britischen Kolonialzeit, weshalb es nicht verwunderlich ist, dass sich in Delhi so viele muslimische Monumente erhalten haben.
Die muslimischen Eroberer errichteten im Laufe der Zeit sieben Städte. Die erste muslimische Stadtgründung befand sich dort, wo wir heute den so genannten Qutb-Komplex mit dem großen Sieges-Minarett und den Ruinen der ersten Moschee Delhis finden. Der Qutb-Minar gilt als ein herausragendes frühes Meisterwerk der indo-islamischen Architektur mit UNESCO-Welterbe-Status und Bauzeit Ende 12. / Anfang 13. Jahrhundert. Das Qutb-Minar ist ein fünfgeschossiger Turmbau aus rotem und hellem Sandstein mit einer Höhe von 73 m, eine Meisterleistung der damaligen Zeit und noch heute beeindruckend. Der Qutb-Minar-Komplex ist unser erstes Besichtigungsziel, nachdem wir in Delhi angekommen sind. Vor der Besichtigung nehmen wir aber erst einmal ein ausgiebiges und gemütliches Frühstück ein. Die nebenstehenden Bilder zeigen den Qutb-Minar im mystischen, morgendlichen Frühnebel.
Weitere Stadtgründungen sind Siri, Tughlaqabad, Jahanpanah, Firozabad, Shergarh und als 7. Gründung Shahjahanabad von Mogul-Kaiser Schah Jahan, der auch der Erbauer des Taj Mahal in Agra war. Diese Gründung zur Mitte des 17. Jahrhunderts ist das eigentliche Old-Delhi (Alt-Delhi) mit dem Roten Fort und der Jama Mashid, der großen Moschee von Delhi. Neu-Delhi ist letztlich also die 8. Stadt, welche die Briten hinzufügten.
Auf unserem Weg durch die reiche Geschichte Delhis besuchen wir u.a. die Lodhi-Gärten. Der Name geht auf die paschtunische Lodhi-Dynastie zurück, die ab 1451 bis zur Machtübernahmee der Mogul 1526 das Sultanat von Delhi regierten. Der Park ist eine 360.000 Quadratmeter große Parkanlage, die von der Bevölkerung gerne zum Picknicken aufgesucht wird. Für uns Reisende sind neben dem bunten Leben im Park auch mehrere Mausoleen und weitere Bauten aus dem 15. und 16. Jahrhundert interessant, wie das Bara-Gumbad mit Moschee und Sheesh-Gumbad. Der Begriff Gumbad stammt aus dem Persischen und bezeichnet einen Kuppelbau, oft einen überkuppelten Grabbau, was beim Sheesh-Gumbad zutreffend ist, während das Bara-Gumbad einem anderen Zweck diente. Am späteren Nachmittag Check-in ins Hotel, Ausruhen und Abendessen.
Der nächste Tag beginnt mit einer wunderbaren Sehenswürdigkeit, dem Humayun-Mausoleum (UNESCO-Welterbe). Dieses Mausoleum gilt als Vorbild für den Taj Mahal. Es handelt sich dabei um den Grabbau von Nasiruddin Muhammad Humayun (1508-1556), dem nach Babur Schah (1483-1530) zweiten Großmogul Indiens. Dieser im Gegensatz zum Taj Mahal ohne rahmende Minarette ausgeführte Grabbau liegt in einem weiten, geometrisch angelegten, von Wasserläufen durchzogenen Park. Die Anlage entspricht einem Char-Bag persischen Ursprungs, also einem vier geteilten Garten. Der Garten wird dabei durch vier in jede Himmelsrichtung gehende Wasserkanäle geteilten. Die vier Wasserläufe, die sich in der Mitte in einem erhöhten Brunnen treffen symbolisieren die vier Flüsse des Paradieses.
Mit dem Grabbau selbst wurde 1562 begonnen, die Fertigstellung erfolgte 1571 und war ein Prestigeprojekt der Moguldynastie, denn Mausoleen dieser Dimension werden meist nicht für den Toten, sondern zur Beeindruckung der Lebenden mit einem innewohnenden Herrschaftsanspruch errichtet. Das mit rotem Sandstein und weißen Marmorintarsien verkleidete monumentale aber doch unglaublich elegante Bauwerk thront auf einer sieben Meter hohen Terrasse und kann auch im Inneren begangen werden. Es erwarten Sie großartige Eindrücke im Park, von Außen und Innen!
Nach dem morgendlichen Genuß der Anlage des Humayun-Mausoleums im historischen Stadtteil Nizzamuddin geht es weiter in den Teil der Stadt mit seinen teils engen Gässchen und unendlich vielen kleinen Läden, welchen man als Old-Delhi bezeichnet. Einen Eindruck davon gewinnen wir bei einer Fahrt mit Fahrrad-Rikschas durch das Gewimmel der Altstadt.
Im Anschluss besuchen wir den goldenen Sikh-Tempel von Delhi, in dem das Fotografieren streng verboten ist, weshalb kein Bild am Rande eingestellt ist. Der Besuch ist allemal ein Erlebnis und führt uns bis in die Großküche, wo täglich für tausende Menschen kostenlos Essen zubereitet und gemeinsam gegessen wird.
Wenn man erst zwei Tage in Indien ist und den deutschen Straßenverkehr gewohnt, kommt man auf der Fahrt mit unserem Exkursionsbus zur nächsten Sehenswürdigkeit aus dem Staunen nicht heraus. Der Verkehr ist so dicht, dass man die eigentliche Straße gar nicht mehr sehen kann, Autos, Lastfahrzeuge, Tuktuks, Busse, Kühe, alles auf einem Haufen, der sich ohne zu stauen, langsam wie ein organischer Strom in eine Richtung bewegt. Dies alles unter dem typischen, von den Tuktuk-Hupen getragenen Straßenlärm, der für Indien so typisch ist.
Ziel erreicht: Die große Freitags-Moschee von Delhi (Jama Masjid) ist die größte Moschee ganz Indiens und eine der größten historischen Moscheen weltweit. Die Moschee liegt nur etwa einen halben Kilometer vom Roten Fort Delhis entfernt. Das Rote Fort in Delhi werden wir nicht besuchen, da wir das fast baugleiche und unter demselben Herrscher (Schah Jahan) erbaute Rote Fort in Agra ausgiebig besichtigen werden. Zurück zur großen Moschee: Sie wurde zwischen 1650 und 1656 unter der Herrschaft Schah Jahans (auch Erbauer des Taj Mahal) errichtet.
Erbaut wurde die Moschee auf einem künstlich aufgeschütteten Plateau von 9 m Höhe, das durch beeindruckende Freitreppen und Torbauten von drei Seiten zugänglich ist. Das große östliche Doppeltor war dabei alleine dem Mogul-Kaiser vorbehalten. An der Stirnseite des gewaltigen Moschee-Hofes (90x90 m) erhebt sich der eigentliche Moscheebau gerahmt von zwei großen, 40 m hohen Minaretten und einem großen als Iwan ausgeführten Portal mit drei zwiebelförmigen Kuppeln. Wie schon beim Humayun-Mausoleum besteht die Fassadenverkleidung aus roten Sandsteinplatten mit weißen Marmorintarsien. Die herrliche Moschee mit ihren wunderbaren Details kann ohne Schuhe und in angemessener Kleidung in allen Teilen besichtigt werden.
Nach dem Besuch eines historischen Stufenbrunnens führt uns eine Besichtigungsfahrt durch das das Regierungsviertel von Neu-Delhi mit seinen repräsentativen Boulevards und Kolonialgebäuden. Unser letztes Ziel des Tages ist das Haus, heute Museum und Gedenkstätte, in dem Mahatma Gandhi am Ende seines Lebens als Gast wohnte und dort im Park des Anwesens einem Attentat zum Opfer fiel. Mit Gandhi, einem der wichtigsten Persönlichkeiten des Neuen Indiens sowie einem Blick auf Indiens Kolonialgeschichte beenden wir das Programm für diesen Tag und freuen uns nach Rückkehr auf das sehr gute und vielfältige Abendessen in unserem Hotel.
Nach dem Frühstück Fahrt vom Hotel in Delhi zum Flughafen und Inlandsflug nach Udaipur. Die Variante in knapp eineinhalb Stunden mit dem Flugzeug nach Udaipur zu reisen, anstatt die 700 km lange Strecke mit dem Bus zu überwinden, wandelt einen langen und stressigen Fahrtag zu einem Mehrgewinn von einem ganzen Programmtag um, weshalb dieser Inlandsflug für die Exkursion Sinn macht und einen großen Vorteil darstellt.
Udaipur mit seinen etwa 700.000 Einwohnern liegt im Süden Rajasthans (s. Karte beim Reiter Reiseprogramm / Überblick) in den südlichen Ausläufern der Aravalli-Berge in etwas mehr als 400m Höhe. Wegen der vielen historisch angelegten Stauseen um die Stadt wird Udaipur oft auch als „Venedig des Ostens“ bezeichnet. Und tatsächlich, Udaipur muss, was die Schönheit der Stadtanlage betrifft, den Vergleich mit Venedig keinesfalls scheuen. Beim Blick über den Pichola-See auf die Altstadt mit dem riesigen Stadtpalast wird man unwillkürlich in eine Szenerie aus 1001 Nacht versetzt.
Bevor wir Udaipur selbst erreichen, nutzen wir die Gelegenheit, uns auf der Fahrt vom Flughafen in die Stadt einen kleinen Umweg zu gönnen, um eine sehr schöne, wenig bekannte hinduistische Tempelruine zu besuchen. Die Nagda-Tempel stammen aus dem 10. Jahrhundert und sind dem Gott Vishnu geweiht. Vishnu zählt zu den hinduistischen Hauptgöttern. Zusammen mit Brahma (Schöpferprinzip) und Shiva (Zerstörerprinzip) bildet Vishnu (Bewahrerprinzip) die göttliche Dreieinigkeit (Trimurti) in der hinduistischen Lehre.
Der über 1000 Jahre alte Komplex aus mehreren Tempelbauten idyllisch an einem kleinen See gelegen, ist zwar eine Ruine, jedoch in einem hervorragenden Erhaltungszustand und bietet uns die Gelegenheit, Aufbau und Elemente eines hinduistischen Tempels genau kennenzulernen, weil die gesamte Anlage mit allen Gebäudeteilen frei zugänglich ist und so alles im Detail und in Ruhe betrachtet werden kann. Insgesamt ein perfekter Einstieg in die hinduistische Tempelwelt und lehrreich im Hinblick auf das, was wir noch alles an großartigen Tempelbauten sehen werden. Großartig jedenfalls sind schon hier die wunderschönen Reliefs, welche die Tempelwände mit Götterbildern, Liebespaaren und epischen Szenen aus dem Mahabharata, der vielleicht wichtigsten altindischen Überlieferung, überziehen.
Jetzt, heraus aus der Megacity Delhi, ist es auch ein Genuss durch die bewaldete Landschaft der Aravalli-Randhügelzone zu fahren, den Anblick der grünen Natur zu genießen und beim einen oder anderen Stopp auch einmal einen Teak- oder Mangobaum in echt zu sehen. Von den Nagda-Tempeln aus erreichen wir am späteren Nachmittag in einer knappen Stunde unser Hotel in Udaipur.
„Die Rajputen sind die edelsten und tapfersten unter den Indern. Sie kämpfen ohne Ordnung, weichen aber niemals zurück. Sie lassen sich eher zu Füßen Ihres Herrschers töten als den Kampfplatz zu verlassen.“ Diese Beschreibung der rajputischen Krieger durch den Indienreisenden Comte de Modave (1773-1776) trifft im ganz Besonderen auf die vornehmste der 36 rajputischen Herrschersippen zu, den Clan der Sisodia von Mewar. Nachdem die alte Hauptstadt des Reiches von Mewar Chittorgarh den Moguln zum Opfer fiel, wurde Udaipur 1567 als neue Hauptstadt von Maharana Udai Singh gegründet. Daher der Name Udaipur; ….pur bedeutet im Sanskrit Stadt, Ort. Die tapferen Mewari konnten ihre Unabhängigkeit gegenüber den Moguln am längsten bewahren, während alle anderen rajputischen Herrschaften, wie jene von Jaipur, Bikaner oder Jaisalmer längst Teil des Mogulreichs geworden waren, auch wenn die Mogulherrscher den Rajputen eine weitgehende Autonomie zustanden, um nicht ständig in Kämpfe verwickelt zu sein und das militärische Potential der rajputischen Krieger für sich selbst nutzen zu können. Im Übrigen nennen sich die Herrscher von Udaipur nicht wie meistens üblich Maharadja (großer Herrscher) sondern Maharana (großer Krieger). Der kriegerische Ruhm nebst ihrer Abstammung machte die Sisodia bis in die heutige Zeit hinein zur vornehmsten Herrschersippe ganz Rajasthans. Ganz allgemein mussten sich die Herrscher im historischen Indien zur Legitimation ihres Rangs und Herrschaftsanspruchs auf einen mythischen Stammbaum oder göttliche Abstammung berufen. Die Sisodia von Mewar rühmten sich als Abkömmlinge der Sonne und erklärten Gott Rama, die siebte Inkarnation Vishnus, zum Ahnherrn ihrer Sippe. An diese glänzende Abkunft erinnern in Udaipur und dem ganzen historischen Königreich von Mewar die aus vergoldeter Bronze gefertigten menschlichen Sonnengesichter im Strahlenkranz, welche die Sisodia zum Symbol ihrer Dynastie machten; siehe Foto nebenan aus dem Stadtpalast von Udaipur.
Der fünfte Tag ist ganz Udaipur gewidmet. Nach dem Frühstück geht es zu Fuß auf einen Bummel durch das historische Zentrum. Allein was es entlang unseres Weges zu sehen gibt, das quirlige Leben, die kleinen Läden, Gassen, Verkehr und Menschen wirken auf uns Mitteleuropäer wie aus einer anderen Welt, alles zugleich faszinierend, stimulierend, manchmal befremdend. Alles wird irgendwie zur Sehenswürdigkeit, nicht nur die berühmten Bauten, Tempel und Paläste. Alles spielt in einer traumhaften Kulisse zwischen Bergen und See, der die schöne Uferbebauung durch Spiegelung noch zu verdoppeln vermag.
Der schon von Außen mehr als imposante Stadtpalast von Udaipur muss natürlich unbedingt auch im Inneren besichtigt werden. Dafür sind alleine schon wegen der immensen Größe mindestens 2-3 Stunden notwendig. Dieser Palast ist der größte in ganz Rajasthan. 1568 auf einem langgestreckten Hügel über dem Pichola-See begonnen, haben ihn Generationen von Maharanas über mehr als 300 Jahre stets erweitert. Dabei haben es alle Bauherren verstanden, den Palast bei jeder Erweiterung wieder in einem einheitlichen Stil erscheinen zu lassen. Im Inneren entstand auf diese Weise ein Labyrinth aus Gebäudekomplexen mit Höfen, Treppenanlagen, Terrassen, Pavillons, Kiosken, Galerien, Säulenhallen und Gärten. Deren Ausstattung mit traditionellen Einlegearbeiten, Reliefs und Malereien an Decken und Wänden lassen den ganzen Glanz des alten Rajasthans lebendig werden.
Höhepunkte im Inneren des Palastes sind sicherlich die einstige Audienzhalle mit dem Pfauenhof (Mor Chok, siehe auch Bilder beim Reiter Allgemeines) sowie der Gartenpalast (Badi Mahal), dessen Zentrum von einem mit prächtigen Arkaden umschlossenen Garten gebildet wird. Es mag verwundern, wie im höchsten Stockwerk des Palastes ein mit Bäumen bestandener Garten existieren kann. Des Rätsels Lösung: beim Bau des Palastes wurde ein hoher Hügel nicht eingeebnet sondern einfach um ihn herum gebaut. So stellt seine Spitze das Erdreich unter dem Garten bereit. Als Höhepunkt kann auch der sich immer wieder aus verschiedenen Perspektiven bietende Blick aus dem Palast auf die Stadt und den See beschrieben werden. Dies oft spektakulär umrahmt von durchbrochenen Fenstern, schönen Pavillons oder Erkern. Vor allem der Blick auf den See mit seinen Inseln hat bei entsprechendem Licht fast magischen Charakter.
Udaipur ist berühmt für das Kunsthandwerk der Miniaturmalerei. Dieses traditionelle Handwerk wird bis heute gepflegt und selbstverständlich gibt es einige der schönsten Kostproben davon auch im Palast zu sehen. Bleibt uns am Ende des Tags noch etwas Zeit, besuchen wir eine Schule, wo die Technik der Miniaturmalerei gelehrt und uns Reisenden auch gerne erklärt wird. Selbstverständlich in der Hoffnung, dass man sich in das eine oder andere kleine Kunstwerk verliebt und es gerne mit nach Hause nehmen möchte. Zunächst ist aber eine Mittagspause notwendig, bevor es zum Jagdish-Tempel und zu einer Bootsfahrt auf dem Pichola-See geht.
Der Jagdish-Tempel inmitten der Altstadt von Udaipur ist einer der größten Hindutempel in Nordindien. Er wurde auf einer künstlichen Plattform auf dem höchsten Punkt der Altstadt gebaut. Geweiht ist der Tempel, dessen Ursprünge in der Mitte des 17. Jahrhunderts liegen, dem Gott Vishnu. Ein Beiname Vishnus ist Jagannath, was soviel wie Herr der Welt bedeutet. Aus Jagannath wurde im Laufe der Zeit der Name Jagdish. Auf der Tempelplattform gibt es neben dem Haupttempel für Vishnu-Jagdish in der Mitte vier weiter Nebentempel an den Ecken, die den Göttern Ganesha, Surya, Shakti und Shiva geweiht sind. Der Jagdish-Tempel ist einer der seltenen Tempelbauten in Rajasthan, die während der Mogul-Herrschaft errichtet werden konnten. Besonders sehenswert neben dem Allerheiligsten mit dem vierarmigen Götterbild aus schwarzem Marmor sind die Verzierungen und Reliefs in der Sockelzone der umlaufenden Säulenhalle. Eines der Fotos nebenan zeigt einen Ausschnitt aus dem Sockel, der die Ordnung der Welt wiedergibt. Die Gesichter über den floralen, die Vegetation als Basis für das Leben darstellende folgen mit etwas Abstand nach oben fratzenhafte Gesichter mit Hörnern, die Dämonen. Es folgt das Tierreich, hier stellvertretend mit Elefanten und Pferden dargestellt. Eine Stufe höher folgen die Menschen und zuoberst die Götter. Dämonen, Tiere, Menschen und Götter sind fester Bestandteil der kosmischen Ordnung. Alles Leben ist heilig und durch die Seelenwanderung (Reinkarnation) miteinander verbunden. Mensch, Tier und Dämon durchlaufen dabei denselben Kreislauf. Dies wird als Grund angesehen, weshalb diese unterschiedlichen Lebensformen sich manche Eigenschaften teilen. Im Christentum wird die Stellung eines Dämons als rein teuflisch und böse betrachtet. Im Hinduismus stören Dämonen zwar ebenfalls die göttliche Ordnung. Dadurch aber, dass sie Götter und Menschen herausfordern, treiben sie die Entwicklung des Kosmos voran und dienen gleichzeitig als Prüfung und Ansporn zur Vervollkommnung der Menschheit.
Am Nachmittag ist das Licht perfekt für die Bootsfahrt auf dem Pichola-See. Ein Traum, die Kulisse der Altstadt von Udaipur vom Wasser aus zu genießen. Die Bootsfahrt führt an der im See liegenden Insel vorbei, die den ehemaligen Sommerpalast der Maharanas von Udaipur trägt. Die Insel ist bis zur Uferlinie komplett mit diesem weiß über den See leuchtenden Palast bebaut, den viele von uns, ohne vor Ort gewesen zu sein, unwissentlich vielleicht schon einmal gesehen haben. Gesehen als berühmte Filmkulisse für den James Bond 007 „Octopussy“ sowie die Filme „Der Tiger von Eschnapur“ und „Das indische Grabmal“. Der Sommerpalast wird seit über 100 Jahren als Luxushotel genutzt und ist als Taj Lake Palace Hotel weltbekannt. Leider reicht weder unsere Reisekasse noch jene der allermeisten Menschen aus, in diesem grandiosen Ambiente zu logieren. Auf einer zweiten Insel, die ebenfalls einen kleinen Palast trägt, steigen wir aus und machen Rast, um danach wieder nach Udaipur zurückzufahren. Wenn möglich folgt noch ein Besuch in der Miniaturmalerschule, bevor wir voll von den unglaublich schönen Eindrücken des Tages ins Hotel zurückkehren.
Nach dem Frühstück Fahrt vom Hotel in Udaipur durch die Aravalli-Berge nach Ranakpur. Die Aravalli-Berge ziehen sich in Südwest-Nordost-Richtung über mehr als 600 km durch das südliche Drittel Rajasthans. Mit dem Guru Shikhar, dem höchsten Berg Rajasthans, erreicht das Gebirge eine maximale Höhe von 1722 m. Es ist ein weit in die Erdgeschichte zurückgehendes gefaltetes Grundgebirge mit kristallinem Gesteinskörper. Viel wichtiger für die Menschen in Rajasthan ist aber die Tatsache, dass die Aravallis eine sehr wirksame Klimascheide für das Land darstellen. Die letzten Ausläufer des sommerlichen Südwest-Monsuns, die gerade noch bis Nordindien reichen (Juli-September), regnen sich nämlich an der Südseite der Aravallis ab und lassen kaum noch Regen für den flächenmäßig größeren nördlichen Teil Rajasthans übrig. Die Hauptregenzeit für Rajasthan ist also von Juli-September, die übrigen Niederschläge fallen weitaus geringer aus und verteilen sich auf den Rest des Jahres, wobei im Winter (Trockenzeit) kaum Regen fällt. Aus diesem Grund und auch wegen der angenehmen Lufttemperaturen im Winter mit max. 20-25° C ist für eine Reise nach Rajasthan der Januar ideal.
Durch die Luv-Lee-Wirkung des Gebirges gliedert sich Rajasthan niederschlagstechnisch in drei Bereiche. Der äußerste Nordwesten ist wüstenhaft mit Niederschlagsmengen zum Teil unter 100 mm. Im Distrikt Jaisalmer sind es etwa 100-200 mm, weiter südlich im zentralen Rajasthan zwischen Jodhpur und Jaipur sind es 300-500 mm und in den Aravallis und südlich davon können bis zu 1000mm Jahresniederschlag erreicht werden. Dies ist somit der fruchtbarere, grünere Teil Rajasthans mit einfacheren Bedingungen für die Landwirtschaft, während nördlich der Aravallis moderne Landwirtschaft ohne Bewässerung kaum möglich ist.
Bei der Fahrt von Udaipur durch das Aravalli-Gebirge beobachten wir rechts und links der Straße eine kleinbäuerliche Landnutzung mit den verschiedensten Anbauprodukten, u.a. Reis, Zuckerrohr, Obstanbau. In den feuchteren, oft von Bächen durchzogenen Talböden geschieht dies meist im Bewässerungsfeldbau. Die Berghänge sind mit Monsunwäldern bestanden, die jetzt im Januar, also während der Trockenzeit, ein an das Klima angepasstes Bild abgeben. Wir beobachten einen halbimmergrünen Wald, indem die größeren Bäume mit viel Wasserbedarf ihr Blattwerk während der Trockenzeit abwerfen und kahl stehen, während kleinere Bäume und Sträucher das ganze Jahr über grün bleiben. Sie können ihren Wasserbedarf aus dem Boden auch während der Trockenzeit gerade noch abdecken. Ein typischer Baum des Monsunwaldes ist beispielsweise der indische Korallenbaum mit seinen namensgebenden roten Blüten, siehe Bild rechts.
Nach etwa zweieinhalb Stunden Fahrt durch die Berge mit unserem Exkursionsbus bis zu einem kleinen Dorf, steigen dort in Geländefahrzeuge um und erreichen nach einer Viertelstunde über eine schmale Straße die Festung (Fort) Kumbalgarh (UNESCO-Welterbe). Die Festung wurde in der Mitte des 15. Jahrhunderts von Rana Kumbha, dem damaligen Herrscher des Reichs von Mewar in strategischer Position, in etwa 1000 m Höhe, an der Nordgrenze seines Reichs zum Reich von Marwar (Jodhpur) errichtet. Die Festung ist von einer gewaltigen 36 km langen zinnenbekrönten Mauer mit mächtigen hervorspringenden halbrunden Bastionen umschlossen, die sich markant in vielen Windungen über die Berghänge zieht. Die Mauern Kumbalghars werden wegen ihrer, das Relief nachzeichnenden Anlage, oft als die Chinesische Mauer Indiens bezeichnet.
Zur Glanzzeit Kumbalghars barg die Festungsstadt über 200 Paläste und 300 Tempel. Kumbalgarh macht den Eindruck eines riesigen, uneinnehmbaren Adlernestes. Und genauso dies war so, die Festung wurde nie eingenommen. Selbst dem großen Mogul-Kaiser Akbar gelang es nicht Kumbalgarh zu erobern. Nicht ganz so alt ist der Palast auf der höchsten Spitze Kumbalghars, der so genannte Wolkenpalast (Badal Mahal). Dieser wurde erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der nicht nur in Mitteleuropa verbreiteten Burgenromantik, von Maharana Fateh Singh von Mewar-Udaipur errichtet. Von der gewaltigen 12 m hohen und 8 m breiten Mauer, die in Teilen begehbar ist, hat man einen fantastischen Blick über Kumbalgarh und zum Wolkenpalast. Ein Spaziergang durch die Tempel- und Palast-Ruinen am Fuße der Bergspitze ist ebenfalls beeindruckend.
Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichen wir unsere heutige Unterkunft beim Dorf Ranakpur. Auf dieser Exkursion folgen wir einer Palast-Route, was nicht nur bedeutet, dass wir die wichtigsten Paläste Rajasthans besuchen, sondern auch, dass wir, wo immer es geht, die Möglichkeit nutzen möchten, in alten Palästen, Forts und Herrenhäusern zu wohnen, die heute in komfortable Hotels umgewandelt wurden. Die heutige Übernachtung haben wir in einem bemerkenswerten historischen Hotel. Es handelt sich um einen kleinen Palast. Errichtet wurde er im Jahre 1802 an ganz anderer Stelle am Fuße der Aravallis in der Nähe von Jodhpur. Vernachlässigt von seinen Besitzern verfiel der Palast zunehmend und sollte zu Beginn der 2000er Jahre abgerissen werden. Dann aber wurde der Palast von einer indischen Hotelgruppe erworben und Stein für Stein abgetragen, um in einem Park bei Ranakpur als Hotel, äußerlich gleich, wieder aufgebaut zu werden. 65.000 Bauteile, Säulen und Bögen des alten Palastes wurden insgesamt wieder verwendet und restauriert. So wurde ein Stück kulturelles Erbe Indiens gerettet und 2002 einer neuen Nutzung zugeführt. Den Erfolg zeigt das nebenstehendes Foto der Hauptfassade des Hotels. Vom Hotel aus sind es nur wenige Minuten Fahrt zum letzten Besichtigungspunkt des Tages, dem Adinatha-Jain-Tempel von Ranakpur.
In Rajasthan sind viele Spielarten und Abspaltungen des Hinduismus gegenwärtig. Der Jainismus entstand in etwa ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.. Zentrales Merkmal der Religion ist das Ideal der Nichtverletzung aller Lebewesen. So ernähren sich Jainas in einer Weise, dass kein Tier dafür sterben oder leiden muss und Pflanzen nur im unvermeidlichen Maß geschädigt werden. Manche Jains tragen Masken, um nicht unbeabsichtigt Insekten einzuatmen und damit zu töten. Beim Besuch eines Jain-Tempels ist es untersagt Kleidungsstücke mit Tierbestandteilen zu tragen, wie z.B. Ledergürtel. Schuhe müssen ohnehin ausgezogen werden. In Indien leben etwas mehr als vier Millionen Menschen, die der Jain-Religion angehören. Der Jain-Haupttempel ist der Adinatha-Tempel von Ranakpur.
Laut Inschrift wurde der Tempel 1430-1458 errichtet. Mitte des 20. Jahrhunderts wurde er umfassend restauriert. Es handelt sich um ein Gebäude von gewaltigen Dimensionen, ganz aus weißem Marmor erbaut. Er bedeckt eine Fläche von nahezu 4000 Quadratmetern. Der Bau ist streng geometrisch in Form eines Mandalas angeordnet und besteht aus 29 Hallen, die insgesamt von 1444, zum Teil wundervoll skulptierten Säulen getragen werden. Obwohl der Tempel mehr als genug monumentale Proportionen aufweist, ist das Dekor im Inneren von geradezu exquisiter Zartheit. Die Fotos rechts, v.a. der zentralen Deckenkuppel geben einen Eindruck des feinen überreichen Dekors im Inneren des Tempels gut wieder. Die Raumwirkung im Inneren entfaltet durch die schiere Größe, die geometrische Anordnung der mit Säulen bestandenen Fluchten und zentralen Hallen eine ganz besondere Atmosphäre. Um diese Atmosphäre nicht zu stören und die heilige Ruhe zu bewahren, finden im Tempel keine Führungen statt. Stattdessen erhält man ein Gerät zum Umhängen mit Kopfhörern, womit man an bestimmten Punkten im Tempel auf Knopfdruck entsprechende Informationen in seiner Sprache abrufen kann. Ansonsten kann man sich frei in diesem riesigen Tempel auf eigenen Wegen treiben lassen und genießen.
Tag 7 bringt uns mit einem kurzen Stopp im Dorf von Ranakpur, wo wir den kleinen morgendlichen Markt besuchen, zunächst nach Jodhpur, das wir gegen Mittag erreichen. Dort stehen zwei Sehenswürdigkeiten auf dem Programm. Einmal das Jaswant Thada, ein wie der Adinatha-Jain-Tempel ganz aus weißem Marmor 1899 errichtetes Gebäude zum Gedenken an Maharadja Jaswant Singh. Im Inneren wurde der komplette Stammbaum der Herrscherdynastie von Jodhpur verewigt und zeigt, welches Selbstverständnis die Rajputischen Herrscher gerade auch noch unter der britischen Kolonialherrschaft pflegten. Blickt man von hier nach Südwesten erhebt sich auf einem isolierten Felsen über der Stadt Jodhpur die Hauptsehenswürdigkeit des Tages, die Festung der Herrscher von Jodhpur, Fort Mehranghar (UNESCO-Welterbe). Allein der Blick von der Festung hinab auf die sogenannte blaue Stadt (weil viele Häuser der Altstadt von Jodhpur blau getüncht sind), ist allein schon einen Besuch wert. Für die Innenbesichtigung des majestätischen Festungspalastes ist einiges an Zeit notwendig, die wir uns aber unbedingt nehmen, um in die vergangene Lebenswelt der rajputischen Herrscher von Jodhpur einzutauchen.
Die Festung Mehranghar thront auf einem Felsen 120 m über der Stadt und wurde 1459 vom damaligen Herrscher des Reiches von Marwar Rao Jodhaji errichtet, der Jodhpur dann auch zur Hauptstadt seines Reiches machte. Von wehrhaften Mauern umgeben, die geradezu aus dem sie tragenden Felsen herauswachsen, birgt die Festung heute einen Palastkomplex der überwiegend aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammt. Eine Folge von sieben monumentalen Toren führt über einen Serpentinenweg zum Festungsplateau mit seinen Palästen, einem Labyrinth verschiedener Höfe um die die Palastgebäude mit wunderschönen Fassaden angeordnet sind. Das Innere der Paläste bietet neben musealen Ausstellungsräumen (z.B. eine Sammlung reich verzierter Elefantensitze, sog. Howdahs) auch Einblick in die reich ausgeschmückten Repräsentationsräume und ehemaligen Privatgemächer der Herrscher und ihrer Frauen. Letztere sind im Palast besonders großzügig angelegt und bieten nach außen durchbrochene Galerien und Erker von denen die Frauen aus ungesehen das höfische Leben beobachten konnten ohne selbst gesehen zu werden (Jhanki Mahal, was so viel wie Haus der heimlichen Blicke bedeutet).
Vergleicht man den Palast in Udaipur mit der Palastfestung von Jodhpur, so hat man nie das Gefühl, weder von der äußeren Erscheinung noch von der Innenausstattung irgendetwas schon einmal gesehen zu haben. Auf unserer Reise folgen ja noch weitere Paläste und - versprochen, nie wird sich dieses Gefühl einstellen, denn jeder davon ist einzigartig!
Neben der hinuistischen Abspaltungsgemeinschaft der Jain gibt es zwischen Jodhpur und Luni ein Dorf einer weiteren, ganz eigenen Religionsgemeinschaft, jene der Bishnoi, das wir besuchen möchten. Hierfür müssen wir wieder auf Geländefahrzeuge ausweichen. Auf unbefestigter Piste geht es durch ein savannenartiges Gebiet, wo auch verschiedene wildlebende Antilopen beobachtet werden können. Die Bishnoi sind strenge Vegetarier, verzichten auf Alkohol und Tabak, konsumieren aber legal während einer bestimmten Zeremonie Opium. Einer solchen Opiumzeremonie in einem privaten Anwesen möchten wir beiwohnen, bevor wir unser Hotel in Luni erreichen. Auch heute handelt es sich wieder um ein besonderes Hotel in historischem Kontext, nämlich dem ehemaligen Fort von Luni.
Von Luni aus führt die heutige Etappe über eine ca. 3-stündige Fahrt nach Pokaran, wo wir die nächsten beiden Nächte, einmal mehr ganz authentisch, im Heritage Hotel im ehemaligen Palastbereich des Forts verbringen. Die Geschichte von Fort Pokaran geht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Es war Teil des Staates von Marwar-Jodhpur und wurde von einem Lokalfürsten aus der Dynastie der Rathores verwaltet. Letztendlich stellt das Fort die Grenzfestung zum Königreich Jaisalmer dar, das nur wenig westlich von Pokaran beginnt. Der Thakur (Fürst) von Pokaran ist bis heute im Besitz des Forts und hat den ehemaligen Palastbereich durch Umwandlung in ein Hotel für die Öffentlichkeit zugängig gemacht.
Betragen die jährlichen Niederschlagsmengen in Jodhpur/Luni noch um die 350 mm, so nimmt dieser Wert auf unserer heutigen Fahrt nach Nordwesten beständig ab, um in Pokaran gerade noch an die 200 mm Grenze zu reichen. Hier beginnt die Wüste Thar. Die Landschaft wird auf unserer Fahrt von Luni her dementsprechend immer wüstenhafter, wobei gerade im Falle der so genannten „Wüste“ Thar stark unterschieden werden muss. Der Normalmensch versteht unter Wüste eine Gegend die mit Ausnahme von Oasen nahezu vegetationslos ist. Gerade bei der Thar hat man das Bild einer klassischen, mit Dünen bestandenen Sandwüste im Kopf, weil genau diese Bilder der Thar in den verschiedenen Medien transportiert werden. Dieses Idealbild findet man flächenhaft aber nur im äußersten Westen Rajasthans im unmittelbaren Grenzland zu Pakistan.... und dieses kann je nach Stand der Beziehungen zwischen Indien und Pakistan von Touristen meist gar nicht besucht werden.
Etwa 90% dessen, was man in Rajasthan als Wüste Thar bezeichnet, besteht nur zum kleineren Teil überhaupt aus Dünen, welche dann sogar mit mehr oder weniger lichten Wäldern aus Dornbäumen und -Sträuchern bestanden sind. Aus vegetationsgeographischer Sicht ist der Großteil der Wüste Thar damit eher als Dornsavanne zu bezeichnen. Einen typischen Eindruck der Dornvegetation, welche das eigentlich bestimmende Bild der Thar ausmacht, zeigt nebenstehendes Foto. Gleichzeitig kann aus diesem Sachverhalt aber auch die Schlussfolgerung gezogen werden, dass in früheren Zeiten, dann unter trockeneren klimatischen Verhältnissen, die Fläche unbewachsener Wanderdünen in der Thar viel größer war als heute. Unter einer Vegetationsdecke können Dünen nicht entstehen und so müssen die heute bewachsenen Dünen aus klimatisch trockeneren, vegetationslosen Zeiten stammen, die später erst Bewuchs erhielten.
Warum gerade Sanddünen bei später feuchteren Klimabedingungen gute Vegetationsstandorte sind: Sanddünen sind hervorragende Wasserspeicher. Der auch heute noch geringe Niederschlag kann im Sand perfekt versickern und sammelt sich, vor Verdunstung geschützt, am Dünengrund. Die Dornvegetation, meist Akazienarten können sich als Tiefwurzler diese Wasserresourcen im Untergrund gut erschließen. Flächen ohne tiefgründigen Sand und damit ohne Möglichkeit der Wasserspeicherung finden wir dagegen tatsächlich wüstenhaft und meist vegetationslos vor.
In Pokaran angekommen, genießen wir das Ambiente im Fort und haben auch die Möglichkeit uns einmal auf eigene Faust im kleinen Städtchen umzusehen, durch die Gassen zu schlendern, über den Markt zu bummeln, mit den Leuten in Kontakt zu kommen. Dies ist meist nicht schwer, weil die Menschen in Rajasthan recht offen und an uns Reisenden interessiert sind. Sehr oft wird man auch um ein gemeinsames Foto gebeten... Wir wirken auf die Leute dort anscheinend genauso exotisch, wie sie es für uns sind. Beste Voraussetzungen also, um ab und zu auf Englisch ein paar nette Worte zu wechseln.
Am Morgen des nächsten Tages machen wir von Pokaran aus einen Ausflug ins etwa 100 km weiter im Westen liegende Jaisalmer. Die Wüstenstadt Jaisalmer wurde 1156 auf einem länglichen, 75 m über einer Ebene liegenden Sandsteinplateau, als neue Hauptstadt des gleichnamigen Königreichs gegründet. Das Königreich Jaisalmer war ein regelrechtes Wüstenreich, denn sein Territorium lag komplett in der Wüste Thar. Von Landwirtschaft und Viehzucht konnte man unter diesen Standortbedingungen nicht leben. Jaisalmer war vielmehr eine wichtige Handels- und Karawanenstadt, strategisch günstig am Land-Handelsweg zwischen Indien und Südostasien hin zum Indusdelta gelegen. Ebenfalls Anbindung bestand damit an die Seeroute der Seidenstraße. Waren aus Arabien, dem Mittelmeerraum und Europa wurden hier genauso umgeschlagen wie jene aus Hinterindien, Zentralasien und China. Die prächtigen Kaufmannshäuser (Havelis), die oft Palästen in nichts nachstehen, sind in Jaisalmer beredte Zeugnisse dieser Zeit, die bis ins 19. Jahrhundert reicht. Die Havelis zeugen von einem unvorstellbaren Reichtum, gewonnen ausschließlich aus dem Fernhandel. Man fühlt sich unmittelbar an Venedig erinnert und vergleicht die überreichen Pallazzi der dortigen Kaufmannsfamilien mit den Havelis in Jaisalmer.
Jaisalmer besteht aus einer Ober- und einer Unterstadt. Die Oberstadt ist die ursprüngliche mittelalterliche Gründung als Festungsstadt, so wie sie uns heute entgegentritt, geht sie aber im wesentlichen auf den Ausbau des 16. Jahrhunderts zurück. Hier ist es nicht, wie bei den Festungen, die wir bisher kennengelernt hatten, die im wesentlichen aus Mauern, militärischen und dem Palast dienenden Gebäuden sowie dem Herrscherpalast selbst bestehen. Hier haben wir neben dem Palast auch eine ganz normale Stadt innerhalb der Festungsmauern und davor, am Fuße der Festung eine Unterstadt. Diese jüngere Unterstadt entstand aus Platzmangel vor den Festungsmauern. Dort befinden sich die schönsten Havelis, die meist im 18. Jahrhundert erbaut wurden. Besonders eindrucksvoll sind die prunkvollen Holzschnitzereien an den reich gegliederten Fassaden.
Wir werden beide Teile der Stadt besuchen und auch den Gadisar-See, einen im 14. Jahrhundert künstlich angelegten Stausee vor der Stadt, der mit seiner Uferbebauung aus Tempeln und Pavillons ein fast unwirkliches schönes Bild in der wüstenhaften Umgebung abgibt.
Zurück in Pokaran wollen wir am Spätnachmittag mit kleineren Fahrzeugen noch eine kleine Ausfahrt ins Gelände unternehmen, um einmal die Elemente der Dornsavanne nicht nur aus dem fahrenden Bus zu betrachten und gleichzeitig zu einem der Salzgärten Rajasthans zu gelangen. Das Salz, das hier bei Pokaran gewonnen wird, ist bis heute ein Handelsgut, das bis weit ins übrige Rajasthan hinein verkauft wird. Wenn auch manchmal als Gewinnungsort des Salzes von Salzseen zu lesen ist, stimmt dies nicht ganz, denn natürliche Salzseen an der Landoberfläche gibt es hier nicht.
Der Salzsee existiert vielmehr in Form von sehr salzhaltigem Grundwasser in wenigen Metern Tiefe. Salzseen im Untergrund haben wir in ariden Gebieten überall dort, wo das Relief aus meist flachen, abflusslosen Senken besteht. Hier sammelt sich am tiefsten Punkt der Senke das Grundwasser im lockeren, porenreichen Sedimentkörper. Das Grundwasser weist deshalb einen hohen Salzgehalt auf, weil die potentielle Verdunstungsmenge in ariden Gegenden ein Vielfaches der tatsächlichen Niederschlagsmenge übersteigt. Das wasserlösliche Kochsalz, das bei der Gesteinsverwitterung entsteht, würde in feuchteren Gebieten einfach ausgewaschen und über Bäche und Flüsse ins Meer abgeführt. Deshalb ist das Meer ja salzig.
Hier aber gibt es keinen oberflächlichen Abfluss und wenn doch bei den seltenen Regen, dann wird das im Wasser gelöste Kochsalz lediglich zum tiefsten Punkt der Landsenke geführt, versickert dort und wird bei der hohen Verdunstung immer mehr mit Salz angereichert. Um aus dem salzreichen Grundwasserspiegel im Zentrum der Senke reines Kochsalz zu gewinnen, wird ein Brunnen zum Grundwasserspiegel angelegt. Das salzhaltige Wasser wird heute mit einer Motorpumpe gehoben, früher mit großen Behältern geschöpft und in breite, künstlich angelegte Salinen-Becken geleitet. Dort verdunstet das Wasser schnell und zurück bleibt Kochsalz, das nur noch geerntet werden muss. Auf dem nebenstehenden Bild ist der Grundwasserbrunnen und eines der mehrfach vorhandenen Salinen-Becken zu sehen. Die Salzgewinnung ist nach wie vor ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Pokaran.
Von Pokaran aus geht es am 10. Tag weiter durch wüstenhafte Landschaften Richtung Nordosten, in ein weiteres rajputisches Königreich, dem Reich von Bikaner mit der gleichnamigen Hauptstadt und Ziel der heutigen Etappe. Rechts und links der Straße begleitet uns die schon bekannte Vegetation der Dornsavanne, bewachsene Dünen, aber auch grüne Felder mit dem Anbau von allerlei Getreide, Gemüse und Früchten. Möglich macht es der sich immer mehr verbreitete Bewässerungsfeldanbau. Aber woher kommt das Wasser in Rajasthan, dem trockensten aller indischen Bundesstaaten überhaupt? Es wir über einen 850 km langen, sich weit verzweigenden Kanal aus dem wasserreichen Bundesstaat Punjab (Harike Staudamm) nach Rajasthan geleitet. Der Indira-Gandhi-Kanal stellt das größte und längste Bewässerungsprojekt Indiens dar. Der Hauptkanal hat mit 40 m Breite und mehr als 6 m Tiefe gewaltige Dimensionen. Bei Bikaner können wir einen der Haupt-Nebenkanäle sehen, der immer noch in beeindruckender Breite wie ein künstlicher Fluss schnurgerade das Land durchzieht. Nicht weniger spannend und manchmal wie im Action Film, manchmal wie in einer Komödie, mutet der Verkehr auf Indiens Straßen an. Selbst auf Autobahnen gehen Kühe gemütlich spazieren.
Das Dromedar ist zwar ursprünglich in Arabien und Nordafrika beheimatet, gelangte aber via der alten Handelswege von der arabischen Halbinsel bis in den Westen Indiens. Die Vorteile als Lasttier im ariden Klima Rajasthans liegen auf der Hand. Dromedare haben aber auch als Reittiere zu militärischen Zwecken eine lange Tradition. Die indische Armee hatte bis 1975 mehrere aktive Kamel Corps im militärischen Dienst. Heute dient das einzige verbliebene Kamel Corps, das Bikaner Camel Corps, nur noch zu zeremoniellen Zwecken oder ist eine Attraktion bei der jährlichen großen Parade zum Tag der Republik. Jedenfalls ist ein Besuch auf der staatlichen Zuchtfarm für die Militärkamele (eigentlich Dromedare) sehr eindrucksvoll. Hier werden die Dromedare nicht nur gezüchtet sondern auch trainiert und ausgebildet. Dabei lernen und sehen wir unter anderem, dass Dromedar nicht gleich Dromedar ist, sondern dass es mehrere unterschiedliche Dromedar-Züchtungen mit jeweils anderem Aussehen, Eigenschaften und Verwendungszwecken gibt.
Die zentrale Sehenswürdigkeit von Bikaner ist die Junaghar-Festung. Sie wurde zwischen 1588 und 1593 von Raja Jai Singh, einem General in der Armee des Mogul-Kaisers Akbar, gebaut und wurde nie erobert. Es wurde bereits an anderer Stelle erwähnt, dass die Großmogule den Rajputenkönigen weitgehend ihre Selbstbestimmung ließen und die tapferen Rajputen dafür wichtige Ämter, vor allem in der Mogularmee oder als Statthalter in eroberten Gebieten inne hatten und so das Mogulreich stützten. Zwar unter Anerkennung der Oberherrschaft und Aufgabe der allerletzten Souveränität wurde so nach vielen Kriegen letztlich zwischen Moguln und Rajputen eine erfolgreiche Win-Win-Situation geschaffen.
In Kunst und Bauwerken Rajasthans brachte diese Zeit durch die Vermischung islamischer und hinduistischer Kunst und Architektur Monumente hervor, deren Anmut und Schönheit wir bis heute bewundern. So gilt zum Beispiel die Festung Junagarh als eine der hervorragendsten Festungsbauten Rajasthans, nach außen wehrhaft mit Wassergraben und 20 m hohen Mauern, im Inneren ein von Harmonie geprägter Kunstgenuß mit 37 prunkvollen Palästen aus unterschiedlichen Zeiten vom Ende des 16. bis ins 19. Jahrhundert hinein. Als wunderschöne Bodenbeläge in manchen Höfen und Gängen fand sogar der europäische Jugendstil Einzug in Fort Junaghar. Im Gegensatz zu den Forts, die wir bislang kennengelernt haben, thront Junaghar nicht auf einer Anhöhe, sondern wurde auf ebenem Gelände errichtet. Die Stadt Bikaner mit heute ungefähr 800.000 Einwohnern entwickelte sich ebenfalls im flachen Gelände um die Festung herum.
Wie die meisten rajputischen Paläste auch, werden sie bis heute noch von ihren Herrscherfamilien für besondere Feierlichkeiten genutzt, dienen aber nicht mehr als eigentliche Wohnstatt. Während der britischen Kolonialzeit hatten die Herrscher der rajputischen Fürstenstaaten einen ähnlichen Status wie unter den Mogulen, nämlich weitgehende Autonomie im Tausch gegen die Anerkennung der Oberhoheit. Erst nach der Unabhängigkeit im Jahre 1947 verloren die Maharajas ihre Herrschermacht an die neue indische Union. Aus den insgesamt 23 ehemaligen rajputischen Fürstenstaaten ging der heutige Bundesstaat Rajasthan hervor. Unter Indira Gandhi wurden 1971 selbst die Adelstitel abgeschafft, womit die ehemaligen Herrscher ihre letzten Privilegien verloren. Maharaja, Maharana, Rana, Radja, Nawab als Höflichkeitstitel dürfen heute nur noch die Familienoberhäupter der ehemaligen Herrscherfamilien führen. Ihres Vermögens, ihrer Paläste und Besitzungen enteignet aber wurden die ehemaligen Herrscher nicht. Ähnlich mancher unserer Schlösser, die noch in adligem Familienbesitz sind, wurden auch die Paläste Rajasthans, allein schon ihrer Unterhaltungskosten wegen, von den Besitzern für die Öffentlichkeit zugängig gemacht. Bei der Bevölkerung genießen die ehemaligen Herrscher im Allgemeinen aber bis heute ein hohes Ansehen und große Verehrung.
Nach der Besichtigung von Junaghar beziehen wir unser, diesmal modernes Hotel, in Bikaner.
Bevor wir unsere Route nach Osten weiter fortsetzen, machen wir von Bikaner aus zunächst einen kleinen 30 km Abstecher in südlicher Richtung nach Deshnoke, um dort den Karni-Mata-Tempel zu besuchen. Auch als Rattentempel von Deshnoke bekannt, reicht seine Geschichte etwa 600 Jahre zurück. Karni-Mata ist eine Inkarnation der Göttin Durga, die im 14. Jahrhundert gelebt haben soll. Das Königshaus von Bikaner ist der Göttin Karni Mata als Schutzgöttin historisch besonders verpflichtet. Vor wichtigen Entscheidungen besuchten die Herrscher stets diesen Tempel und er war im Staat von Bikaner von besonderer Bedeutung. Heute kommen vor allem Hochzeitspaare, um sich den Segen der Göttin zu sichern.
Das besondere an diesem Tempel ist jedoch, dass es hier von heiligen Ratten wimmelt, die im Tempel ein auskömmliches Leben führen, beschützt und gefüttert werden. Zurück geht dies auf eine Begebenheit mit der Göttin, die sich nicht nur selbst einmal in eine weiße Ratte verwandelt haben soll, sondern ihre Anhänger dem Zugriff des Totengottes Yama dadurch entzog, dass sie als heilige Ratten wiedergeboren werden. Die in Ratten inkarnierten Seelen genießen das Privileg im Tempel sorglos zu leben, bevor die übernächste Inkarnation als Menschen noch glorreicher ausfallen wird. Auf dem Foto rechts sieht man über dem Tempelhof ein Netz gespannt. Es dient als Schutz der Ratten vor Greifvögeln. Nur die kleine graue Rattenart innerhalb des Tempels gilt als heilig, während Ratten außerhalb des Tempels als Schädlinge betrachtet, gefangen und an entfernten Orten ausgesetzt werden. Getötet werden Ratten nicht, denn die Ratte zählt generell zu den heiligen Tieren des Hinduismus. Eine Ratte ist beispielsweise das Reittier des elefantenköpfigen Gottes Ganesha.
Im Tempel leben mehrere Tausend Ratten. Wie viele es genau sind, weiß niemand zu sagen, offiziellen Schätzungen zufolge aber sollen es um die 20.000 sein. Uns Reisenden aus dem christlich geprägten Mitteleuropa, wo Ratten als Überträger der Pest in der Hierarchie der Tiere an unterster Stelle stehen, meist Ekel erregen, gejagt oder ausgerottet werden, ist der Besuch eines solchen Tempels zunächst einmal keine einfache mentale Angelegenheit. So schlimm, wie man es sich vorstellt, ist es aber gar nicht. Im Gegenteil ein Besuch im Rattentempel kann durchaus dazu beitragen ein ganz anderes Verhältnis zu diesen Tieren zu bekommen. Es ist ein besonderes, überhaupt nicht unschönes Erlebnis. Wer aber lieber doch nicht mit hineingehen möchte, kann solange auch einfach nur das bunte menschliche Treiben vor dem Tempel beobachten.
Die hinduistische Toleranz erlaubt es uns Fremden, den Tempel nicht ganz barfuß betreten zu müssen, um so vielleicht einmal direkt mit den Exkrementen der Ratten in Kontakt zu kommen. Es dürfen Überschuhe aus Plastik benutzt werden. Es ist auch nicht so, dass man ständig zwischen Ratten einhergehen muss. Natürlich kreuzt einmal eine Ratte den Weg, die Tiere sind auch nicht scheu und es kommt deshalb durchaus vor, dass einmal eine Ratte über die Füße läuft...was dann aber auch besonderes Glück bringt. Im Normalfall bewegen und sammeln sich die Ratten aber an ganz bestimmten Stellen, wo sie gefüttert oder mit Milch versorgt werden. Die allermeisten Ratten halten sich ohnehin in ruhigeren, nicht zugänglichen Bereichen des Tempels auf. Jedenfalls sollte man nach einer der sehr sehr seltenen weißen Ratten Ausschau halten, denn der Anblick einer weißen Ratte gilt als besonders glückverheißend.
Mit einem Stopp für die Mittagspause geht es durch sukzessiv immer weniger wüstenhaft werdende Landschaften bis Nawalgarh, das wir am früheren Nachmittag erreichen und dann erst einmal unsere Unterkunft beziehen. Heute wieder stilvoll und authentisch in einem restaurierten, in ein Hotel umgewandelten alten Kaufmannspalast (Haveli). Auf dem Foto rechts ist eine Seite des historischen Innenhofs abgebildet.
Nawalgarh ist eine der kleineren, weniger bedeutenden Kaufmannsstädte an der Karawanenroute durch Rajasthan zum Indischen Ozean. Obwohl keine große Stadt, gibt es in Nawalgarh etwa 100 Havelis. Der Grund liegt in der Steuerpolitik des einstigen Lokalherrschers, der den Ort in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gründete. Er lockte die Kaufleute mit überaus günstigen Steuerkonditionen nach Nawalgarh. Die meisten der einst prächtigen Kaufmannshäuser sind heute leider dem Verfall preisgegeben, was daran liegt, dass der Ort nicht im Fokus des Rajasthan-Tourismus steht, wie es zum Beispiel bei Jaisalmer der Fall war. Gerade das macht den Ort für uns besonders attraktiv. In aller Ruhe durch den Ort zu bummeln und die alten Kaufmannshäuser mit ihren hier wunderschön bemalten Fassaden und prächtigen Innenhöfen zu betrachten, gibt einen einmaligen Einblick in den Gegensatz zwischen glorreicher Vergangenheit und heutiger Realität.
Trotzdem sind die Malereien selbst auf den oft recht baufälligen Häusern erstaunlich gut erhalten und sprechen uns in ihrer ganz eigenen Bildersprache an. Einige der größten und bedeutendsten Handelshäuser wurden aber auch restauriert und sind der Öffentlichkeit zugänglich. Dies werden wir selbstverständlich nutzen und auch nicht versäumen, das ganz normale heutige Leben im Ort, bei einem kleinen Spaziergang auf uns wirken zu lassen.
Am folgenden Tag trifft unsere Route wieder auf das SW-NO durch Rajasthan streichende Aravalli-Gebirge. Nach zweieinhalbstündiger Fahrt erreichen wir Jaipur das von Bergzügen umrahmt in einem ebenen Gebirgs-Becken in etwa 450 m Höhe liegt. Jaipur ist die Hauptstadt des heutigen Bundesstaats Rajasthan mit ungefähr drei Millionen Einwohnern. Die jährlichen Niederschlagsmengen erreichen nun schon wieder an die 650 mm. Dies stellt von den natürlichen Voraussetzungen her eine günstige Siedlungslage an dieser Stelle dar, die aber erst ab dem Jahr 1727 genutzt wurde, denn in diesem Jahr gründete Maharaja Jai Singh II, Herrscher über das Königreich von Amber den Ort, der fortan Jaipur genannt wurde.
Erst durch die friedliche Koexistenz und Kooperation zwischen Mogulreich und den meisten rajputischen Fürstenstaaten war die Anlage einer Stadt in militärisch schlecht zu verteidigender Lage (Ebene) möglich geworden. Bisher residierte der Herrscher in sicherer Schutzlage auf einem steilen Hügel in den Bergen, die das Becken von Jaipur umrahmen. Dort residierte er im Palast von Amber, so wie auch das ganze Königreich genannt wurde. Amber leitet sich von der hinduistischen Muttergöttin Amba Mata ab. Die Stadtgründung Jaipurs war keine der üblichen, sondern erfolgte nach einem ganz genauen Plan und ist der einzigartige Fall einer geplanten Stadtanlage auf regelmäßigem Grundriss in Indien zu jener Zeit.
Die Stadt wurde auf dem Grundriss eines Mandalas, eines Kosmogramms gebaut, das auf neun Quadraten beruhend in geometrischer Form die Welt darstellen soll. Angeordnet in drei mal drei, was der heiligen Zahl neun entspricht, die sich aus der Weltmitte, vier Himmelsrichtungen und vier Zwischenrichtungen zusammensetzt. Wenig verwunderlich besetzt der Palast des Herrschers dabei die Weltmitte. Dies ist überhaupt nicht typisch indisch, sondern wir kennen dieses Schema eher von den in derselben Zeit erbauten Schloss- und Stadtanlagen Europas, die während des Zeitalters des Absolutismus im 17. und 18. Jahrhundert entstanden, Versailles, Karlsruhe, Caserta, um nur einige wenige zu nennen, wo alle Straßen und Achsen auf das zentrale Herrscherschloss zulaufen.
Gerade zu dieser Zeit beobachten wir einen regen künstlerischen und kulturellen Austausch auch mit Europa. Der Gründer von Jaipur galt als ein weltoffener, allen Wissenschaften zugeneigter Herrscher, dem die europäische Kultur bekannt war. Große Alleen mit einer Breite von über 30 Metern werden im rechten Winkel von kleineren, aber immer noch fast 20 m breiten Straßen gekreuzt. Dies kommt der heutigen Innenstadt zu Gute, auch wenn trotz der großzügigen Breite der Straßen, Verkehrsstaus an der Tagesordnung sind.
Ist Jodhpur die blaue, Jaisalmer die gelbe, so wird Jaipur als die rosarote Stadt (pink city) bezeichnet, da die allermeisten Gebäude der Innenstadt in diesem Farbton angestrichen sind. An der Hauptkreuzung Jaipurs erhebt sich sein bekanntestes Gebäude, der Palast der Winde (Hawa Mahal). Eigentlich gar kein Palast, diente dieses vielstöckige, bienenwabenartige Gebäude als Aussichtsturm für die Frauen des Hofes, von dem aus sie das geschäftige Treiben auf dem Markt durch die durchbrochenen Fenster und Erker beobachten konnten, ohne selbst gesehen zu werden. Durch die offene, durchbrochene Fassade und die geringe Tiefe des Gebäudes, das nur aus kleinen Zimmerchen besteht, kann der Wind ungehindert durchblasen.
Wie schon beschrieben, liegt im Zentrum der riesige Stadtpalast, in dem die ehemalige Herrscherfamilie bis heute einen Flügel bewohnt. Wir besichtigen den öffentlichen Teil des weitläufigen Palastes mit der großen Audienzhalle und den Museumsräumen. Am Rande der Audienzhalle sind zwei Silbergefäße (Gangajalis) ausgestellt, die im Guiness Buch der Rekorde als größte Silberobjekte der Welt eingetragen sind (s. Foto rechts). Sie fassen jeweils 9000 Liter und wurden für die Reise des Maharaja Sawai Madho Singh II im Jahre 1902 zur Krönung König Edward VII nach England hergestellt. So wurde sichergestellt, dass der Maharaja auch in England über genügend Wasser aus dem heiligen Fluß Ganges verfügen konnte. Silber erhält die Reinheit des Wassers perfekt, da es antibakteriell wirkt und war deshalb das Material der Wahl. Jeder Behälter wiegt etwa 340 kg und wurde jeweils aus 14.000 Silbermünzen hergestellt.
Im ehemaligen Gästehaus des Palastes sind heute verschiedene Museumsräume untergebracht. Im Textilmuseum zum Beispiel werden mit Blockdrucktechnik aus Sanganer, einem Dorf in der Nähe von Jaipur, bedruckte Stoffe ausgestellt. Mittels hölzerner Druckstöcke konnten so bis zu sieben Farben auf Baumwollstoffe aufgebracht werden. Während unseres Aufenthalts in Jaipur werden wir beim Besuch einer Stoffdruckerei diese noch heute in Handarbeit durchgeführte Technik kennenlernen. Weiter gibt es im ehemaligen Gästehaus des Palastes eine Sammlung an Waffen, historischer Kleidung, Teppichen und mehr.
Zwischen dem Stadtpalast und dem Palast der Winde liegt eine weitere großartige Sehenswürdigkeit Jaipurs, das Jantar Mantar. Es ist das größte Freilichtobservatorium Indiens und neben den eben genannten Monumenten ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählend. Errichtet wurde es vom wissenschaftsverliebten Maharaja Jai Singh II zusammen mit der Gründung der Stadt. Das Observatorium verfügt über mehrere Sonnenuhren zur Bestimmung der genauen Zeit, was hier zu Beginn des 18. Jahrhunderts mit der erstaunlichen Genauigkeit von 2 Sekunden möglich war. Für die damaligen Menschen, wie für die meisten Inder heute noch, spielt aber auch die genaue Ermittlung des Geburtsaszendenten und der jeweiligen Gestirnskonstellationen eine wichtige Rolle, um astrologische Horoskope sowie den richtigen Zeitpunkt für wichtige Weichenstellungen im Leben berechnen zu können. Für die meisten Europäer ist Astrologie eher eine Hokuspokus-Wissenschaft, nicht so für die allermeisten Inder. Selbst der kritischste Europäer kommt jedoch ins Staunen, wenn man die auf astronomisch exakter Wissenschaft beruhenden Instrumente erklärt bekommt, die eigentlich zu astrologischen Zwecken erbaut wurden. Hier verschmelzen Astronomie und Astrologie. Besonders beeindruckend wirken die in die Erde eingelassenen riesigen Halbkugeln aus Marmor mit Himmelsmeridianen und -Äquator, Azimutlinien etc., die es möglich machen, den alle zwei Stunden wechselnden Aszendenten sichtbar zu machen (s. Foto nebenan).
Unbedingt machen muss man einen Bummel durch die Innenstadt Jaipurs. Die Innenstadt ist ein einziger bunter Bazar, mit Frauen in leuchtenden Saris, Männern mit bunten Turbanen, Tuktuks und Kamelkarren, die sich überall durchs Gewühl schieben. Die heute wirklich gewinnbringende Wirtschaft Jaipurs liegt aber jenseits des Stadtkerns in modernen Industrievierteln. Berühmt ist Jaipur für seine verarbeitende Schmuckindustrie, man spricht von der größten weltweit. Hier findet man die meisten Arbeitsplätze Jaipurs in der Edelsteinschleiferei sowie der Anfertigung von Schmuck aller Art. Bei Ajmer westlich von Jaipur werden Smaragde und Diamanten gefunden, die in Jaipur verarbeitet werden. Gleichzeitig ist Jaipur aber auch ein internationales Drehkreuz der Edelsteinschleiferei und des Edelsteinhandels. Ob Smaragde, Diamanten, Rubine, Saphire, Aquamarine, Turmaline, hier wird alles gehandelt und verarbeitet, was die Welt an Edelsteinen hervorbringt. Nicht versäumen werden wir es deshalb auch, in Jaipur eine Edelsteinschleiferei zu besuchen.
Viele Kurzreisen nach Indien berühren nur Delhi, Agra und Jaipur, das so genannte Goldene Dreieck, wobei nicht die Stadt Jaipur im engeren Sinne zu den großen Zielen Indiens gehört, sondern das einige Kilometer außerhalb auf einem steilen Bergrücken gelegene Palast-Fort von Amber. Die Maharajas von Amber, wie die Herrscher von Udaipur Abkömmlinge der Sonne, begründeten Ihre Herrschaft über Amber im 11. Jahrhundert. Wie alle rajputischen Fürsten kämpften auch sie zunächst gegen die Moguln und arrangierten sich im Laufe der Zeit mit ihnen. Der Mogulkaiser Akbar heiratete sogar eine Hinduprinzessin von Amber, die ihm den ersehnten Thronfolger Jahangir gebar. Seitdem gehörten die Maharajas von Amber zu den privilegiertesten Fürsten des Mogulhofes. Der militärisch und administrativ äußerst fähige Maharadja Man Singh von Amber kämpfte für den Großmogul an allen Grenzen des Reiches und befehligte seine Armeen. Die dabei gewonnenen Reichtümer verwendete er zum Ausbau seines Palastes in Amber, der so ab dem 16. Jahrhundert zu dem vielleicht schönsten und eindrucksvollsten Palast ganz Rajasthans wurde. Niemals wurde er erobert oder zerstört und als Stammsitz der Dynastie bis heute immer in Ehren gehalten und restauriert, was den ausgezeichneten Erhaltungszustand des Palastes erklärt.
Weil der Palast zu den großen Sehenswürdigkeiten Indiens zählt und entsprechende Besucherzahlen aufweist, ist es klug etwas weniger lange zu schlafen, um die frühen Morgenstunden für einen Besuch zu nutzen, wenn die Tagestouristen noch nicht angereist sind. Aber nicht nur deshalb sollte man den frühen Morgen nutzen. Es ist ein unbeschreiblicher Anblick, wenn man von Jaipur aus in die Berge hineinfährt und nach der letzten Serpentine plötzlich und unverhofft auf einer Anhöhe der Palast von Amber im Morgenlicht auftaucht, der sich dazu noch in einem See durch Spiegelung im mystischen Licht verdoppelt. Ein unvergesslicher Anblick!
Das Innere des Palast-Forts von Amber ist eine Synthese aus hinduistischer und Mogul-Architektur, die miteinander eine wunderbare Harmonie eingehen. Die Grundstruktur der Anlage aus mehreren Höfen, die sich in öffentliche und private Bereiche gliedern, sind für die islamische Architektur typisch und man findet hier die aus Delhi oder Agra bekannten Audienzhallen mit Zackenbögen der Mogulkunst, Marmorreliefs und durchbrochenen Marmorgitterfenstern kombiniert mit hinduistischen Motiven wie Elefantenkonsolen und Verzierungen aus der hinduistischen Götterwelt. Neben einer öffentlichen Audienzhalle gibt es eine zweite, als prächtigen Spiegelsaal angelegte private Audienzhalle. Dies ist sicher der künstlerische Höhepunkt des Palastes. Daneben gibt es wunderschöne Innenhöfe mit grünen, geometrisch angelegten Gärten mit Springbrunnen und Wasserläufen. In dem kleinen See vor dem Palastberg ließen sich die Herrscher zusätzlich einen repräsentativen Lustgarten anlegen. Wunderschön sind auch die kunstvoll gestalteten Fenster aus durchbrochenem Marmor, die es den Frauen ermöglichten, das öffentliche Hofleben zu verfolgen. Trotz der sozialen Abschirmung und Unterordnung existiert im Hinduismus das Idealbild, dass Frauen als Göttinnen verehrt werden sollen und Familien ohne weibliche Ehrung keinen Segen erfahren.
Sie können sich das Reiseprogramm auch als (druckbare) PDF-Datei herunterladen:
Detailliertes Reiseprogramm